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Co-Abhängigkeit am Arbeitsplatz · Teil 3

Wenn Kollegen sich gegenseitig decken

Juni 2026 · Nadine Karjoth

Ein Kollege hatte eine schwere Zeit hinter sich, eine Trennung, die Scheidung und einen Streit um die Kinder, und dass er in dieser Phase unkonzentriert war und seinen Aufgaben nicht immer gerecht wurde, war für uns alle verständlich. Das Team hat es abgefedert, so wie man das unter guten Kollegen eben macht, weil wir uns gegenseitig unterstützen.

Nur stellte sich auch nach einiger Zeit keine Besserung ein, und schlimmer noch, es fiel zunehmend auf, dass er nach Alkohol roch, zu spät erschien und seine Aufgaben vernachlässigte. Anfangs sagte niemand etwas, weil wir dachten, das sei vielleicht noch eine Nachwehe der Scheidung, doch in der Zwischenzeit wurde das Team immer stärker belastet, übernahm seine Aufgaben und musste ihn ständig nachkontrollieren.

Und dann war da dieser Zwiespalt, den vermutlich viele kennen. Man möchte einen Kollegen, dem es ohnehin schlecht geht, nicht beim Chef anschwärzen und ihm noch mehr Probleme aufladen, und gleichzeitig war die Situation für das Team irgendwann schlicht nicht mehr tragbar. Keiner wusste mehr, wo eigentlich die Grenze verlief zwischen dem gesunden Helfen, wenn jemand eine schwere Phase durchlebt, und dem Aufrechterhalten eines Musters, das niemandem mehr guttat.

In Teil 1 ging es um die Abhängigkeit des Arbeitgebers und in Teil 2 um die der Angestellten, und das hier ist die dritte Richtung, zur Seite, von Kollegen zu Kollegen.

Solange jemand gedeckt wird, muss er sich nicht verändern, und das Problem bleibt für die unsichtbar, die etwas ändern könnten, weil nach außen hin ja alles weiterläuft. Die aber, die das auffangen, tragen mit der Zeit immer mehr, bis sie selbst an ihre Grenze geraten.

Das ist nicht zufällig dasselbe Muster, das man aus Familien mit einer Suchterkrankung kennt, und in diesem Fall war es sogar buchstäblich eines. Die Angehörigen springen ein, gleichen aus und halten die Fassade aufrecht, aus Loyalität und aus Sorge, und sorgen genau dadurch dafür, dass sich nichts ändern muss.

Co-Abhängigkeit beschreibt auch hier keine schwache Person, sondern eine stillschweigende Abmachung, in der beide Seiten etwas bekommen. Der eine bleibt vor Konsequenzen geschützt, und der andere fühlt sich gebraucht und vermeidet zugleich die Konfrontation, vor der er sich fürchtet.

Das Tückische ist, dass Helfen und Decken von außen gleich aussehen, und der Unterschied liegt einzig darin, ob man jemanden dabei unterstützt, sich einer Sache zu stellen, oder ihn genau davor bewahrt.

Die Frage ist also nicht nur, ob ein Team zusammenhält, sondern was es deckt, ohne es je offen auszusprechen. Und da beginnt die eigentliche Diskussion. Wo verläuft die Grenze zwischen echter Solidarität und einem Kreislauf, der ein Problem nur am Leben hält, und wer sollte sie eigentlich ziehen? Ich sehe gute Argumente für beides.

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Die Serie Co-Abhängigkeit am Arbeitsplatz:
Teil 1 · Wenn der Arbeitgeber abhängig wird
Teil 2 · Wenn Angestellte abhängig werden
Teil 3 · Wenn Kollegen sich gegenseitig decken (dieser Artikel)