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Co-Abhängigkeit am Arbeitsplatz · Teil 2

Wenn Angestellte abhängig werden

Juni 2026 · Nadine Karjoth

Ich hatte einmal eine Vorgesetzte, die mich angelernt und begleitet hat. Sie hatte ein Talent dafür, neue und gerade junge Mitarbeiter unter ihre Fittiche zu nehmen. Fast wie eine zweite Mutter. Solange man es so machte, wie sie es vorgab, war alles gut. Schwierig wurde es, sobald man sich weiterentwickelte. Wer einen eigenen Stil fand und eigene Wege gehen wollte, bekam Steine in den Weg gelegt. Pläne wurden vereitelt, die schönsten Projekte wieder entzogen. Alles sollte so laufen, wie sie es bestimmt hatte. Vielleicht war es die Angst, ihre Autorität zu verlieren. Vielleicht auch etwas anderes. Sichtbar war vor allem: Entwicklung wurde nicht mehr unterstützt, sondern kontrolliert.

Und genau das macht diese Form der Abhängigkeit so schwer zu lösen. Wenn jemand Zeit, Kraft und auch Geld in dich gesteckt hat, ein offenes Ohr für deine Sorgen hatte und fast wie ein Freund oder ein Elternteil für dich da war, dann willst du diesen Menschen nicht enttäuschen. Aus solchen Mustern auszubrechen fühlt sich weniger wie ein beruflicher Schritt an und mehr wie ein Loyalitätsbruch. Fast so, als würde man sich von einer Elternfigur lossagen. Es ist mit Schuld beladen.

Bei mir lief es in Stufen ab. Zuerst habe ich dagegen angekämpft. Dann kam der Leidensdruck, und mit ihm verlor ich die Motivation, die Freude und die Lust an einer Arbeit, die ich eigentlich geliebt hatte. Am Ende bin ich ganz gegangen. Nicht nur aus der Firma, sondern aus der ganzen Branche. Und das Traurige ist: Ich erinnere mich gern an die Anfangszeit. Sie war wirklich schön. Bis es zu diesem Punkt kam.

Natürlich halten dich auch die naheliegenden Dinge: das Gehalt, die Karrierechancen, die Angst, nichts Neues zu finden, Existenzängste. Diese Bindungen sind echt. Aber darunter liegt oft die stärkere und leisere: die emotionale. Der Angestellte braucht die Zuwendung, Unterstützung und Anerkennung. Die Vorgesetzte braucht es oft, gebraucht zu werden, und fürchtet den Moment, in dem jemand sie nicht mehr braucht oder ihre Position dadurch an Bedeutung verliert. Beide halten ein Muster am Leben, das Nähe verspricht und Entwicklung verhindert. Co-Abhängigkeit beschreibt auch hier keine schwache Person, sondern eine Beziehung, in der Zuwendung an eine Bedingung geknüpft ist: Sie gilt, solange man in der zugewiesenen Rolle bleibt. Sobald man heraustritt, wird aus Förderung Kontrolle.

Die Frage ist also nicht nur, wie sehr ein Angestellter finanziell auf seinen Job angewiesen ist. Die Frage ist, woran sein Selbstwert hängt, ohne dass er es je offen ausgesprochen hat. Ist eine fürsorgliche Führungskraft, die Mitarbeiter eng an sich bindet, ein Glücksfall? Oder ein Risiko, das Entwicklung im Keim erstickt? Ich sehe gute Argumente für beides.

Wenn du dich in solchen Mustern wiedererkennst, auch jenseits des Arbeitsplatzes: Auf der Startseite findest du meine Angebote, vom kostenlosen Einstieg bis zur persönlichen Begleitung.

Die Serie Co-Abhängigkeit am Arbeitsplatz:
Teil 1 · Wenn der Arbeitgeber abhängig wird
Teil 2 · Wenn Angestellte abhängig werden (dieser Artikel)
Teil 3 · Wenn Kollegen sich gegenseitig decken