Wenn der Arbeitgeber abhängig wird
Juni 2026 · Nadine Karjoth
In einem guten Hotel in Österreich stand vor einiger Zeit ein Barkeeper hinter der Theke, der sein Handwerk wirklich verstand. Er schenkte großzügig aus, oft auf Kosten des Hauses. Und mit jedem Glas, das er mir oder einem anderen Gast eingoss, trank er eines mit. Dass er das so handhabte, wussten einige. Es gehörte fast zu seinem Ruf.
Später fragte ich ihn, ob er damit keinen Ärger mit seinem Arbeitgeber riskiere. Er zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht, sagte er. Aber passieren werde nichts, Ersatz für ihn finde das Hotel ohnehin nicht. Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich nachdenklich gemacht hat. Denn er hatte recht, wie ich später sehen sollte. Und genau darin lag das Problem.
Als der Inhaber kam, schickte er den Barkeeper nach Hause, stellte sich selbst hinter die Theke und bediente die Gäste. In diesem Moment wurde sichtbar, was vorher unter der Oberfläche lag.
Über Abhängigkeit am Arbeitsplatz reden wir meistens nur in eine Richtung. Der Angestellte braucht den Job, das Gehalt, die Position, das Wohlwollen des Vorgesetzten. Das stimmt oft. Aber es ist nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte wird seltener ausgesprochen. Auch Arbeitgeber werden abhängig. Von einzelnen Menschen, die etwas können, das sonst niemand im Haus kann. Von jemandem, der funktioniert, solange man ihn lässt. Und diese Abhängigkeit verändert das System.
Ein Arbeitgeber, der jemanden nicht ersetzen kann, verliert einen Teil seiner Handlungsfähigkeit. Er beginnt, Dinge zu übersehen, und toleriert Verhalten, das er bei anderen nie durchgehen ließe. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil die Alternative teurer erscheint als das Problem. Doch teuer war es längst. Nur an anderer Stelle.
Der kostenlos ausgeschenkte Alkohol war ein direkter Verlust für das Haus. Dass der Barkeeper selbst mittrank, war für jeden Gast sichtbar. Und es sprach sich herum. In der Hotellerie ist der Ruf eines Hauses Teil des Produkts. Als der Inhaber an jenem Abend selbst einsprang, tat er das nicht aus Lust an der Arbeit. Er tat es, weil seine Abhängigkeit ihn diesen Preis zahlen ließ. Seine eigene Zeit und seine Präsenz an der Bar, statt dort, wo ein Inhaber eigentlich gebraucht wird.
Die Abhängigkeit des Arbeitgebers hat den Barkeeper aber auch nicht frei gemacht. Im Gegenteil. Sie hat ihn in seiner Sucht gehalten. Denn solange niemand eine Grenze setzt, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Jeder Abend ohne Konsequenz bestätigte ihm, dass sein Verhalten tragbar war. Wer gebraucht wird, bekommt selten ehrliches Feedback. Und ohne Konsequenz keine Veränderung. Die vermeintliche Sicherheit seiner Unersetzbarkeit war in Wahrheit das, was ihn tiefer in das Problem geführt hat.
In der Arbeit mit Abhängigkeit gibt es einen Begriff für ein Muster, in dem ein System eine Dysfunktion stützt, weil das Aufrechterhalten leichter erscheint als die Veränderung: Co-Abhängigkeit. Ich verwende den Begriff hier nicht als Diagnose einer einzelnen Person, sondern als Beschreibung einer Dynamik. Der Begriff beschreibt eine Beziehung, in der beide Seiten ein Verhalten am Leben halten, das keinem von beiden guttut. Der eine schadet sich selbst und darf weitermachen. Der andere trägt den wirtschaftlichen Schaden und schweigt, um den Status quo nicht zu gefährden.
Am Arbeitsplatz sieht das oft harmlos aus. Eine Organisation verlässt sich auf eine Schlüsselperson. Die Schlüsselperson verlässt sich darauf, dass man sie deshalb gewähren lässt. Beide fühlen sich sicher. Beide sind es nicht.
Die Frage ist also nicht nur, wie abhängig Angestellte von ihren Arbeitgebern sind. Die Frage ist, wovon eine Organisation längst abhängig geworden ist, ohne es je offen auszusprechen. Und da fängt die eigentliche Diskussion an. Ist eine unersetzbare Person ein Risiko, das eine Organisation auflösen sollte? Oder ist sie einfach das Ergebnis echter Kompetenz, mit der man leben muss? Ich sehe gute Argumente für beides.
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Die Serie Co-Abhängigkeit am Arbeitsplatz:
Teil 1 · Wenn der Arbeitgeber abhängig wird (dieser Artikel)
Teil 2 · Wenn Angestellte abhängig werden
Teil 3 · Wenn Kollegen sich gegenseitig decken